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DER Masterplan. Also genau gesagt der Entwurf. Mehr bekommen wir wohl nicht mehr.

Da ist er also. Der Masterplan. Also nicht ganz. Natürlich stimmen wir am Sonntag über DEN Masterplan ab, 4 Tage vor der Abstimmung ist aber immer noch lediglich ein Entwurf auf der Homepage der Marktgemeinde St. Andrä – Wördern. Die Datei trägt den entsprechenden Namen Masterplan_Vorabzug.pdf, bezeichnet wird dieser auf Seite eins als GZ ENTWURF. Schön, wenn man die Ausrede zum Dokument gleich auf der ersten Seite dokumentiert …

Downloadseite der Gemeinde

Direkt zum Download des Masterplanes

Seite 1: GZ ENTWURF

Wir wissen also tatsächlich nicht wirklich, worüber wir abstimmen. In der Woche vor der Abstimmung befindet sich also ein Entwurf/Vorabzug im Downloadbereich der Gemeinde. Sollte es tatsächlich zu einer Umsetzung kommen, können wir nur hoffen, dass wenigstens für den Bau Profis installiert werden.

 

Seite 17: Platz für Konzerte auf 1.000m² und 750 Besucher.

Wie oft soll dieser Platz mitten im Wohngebiet bespielt werden? Soll dort das leistbare Wohnen stattfinden, weil bei regelmäßiger Beschallung soundso keine teuren Mieten verlangt werden können?

 

Seite 18: bei der Gestaltung der Wege und deren Führungen orientiert man sich an Erkenntnissen aus dem Jahr 1977.

Spannend, dass das wissenschaftlich anmuten wollende Dokument zu diesem Thema genau auf dieses eine Zitat verweist. Der Rest über Sichtachsen, Plätze, Gebäude etc. bleibt völlig unbegründet.

Abgesehen von einem gewissen Gehl, der im Masterplan häufig zitiert wird. Das wiederum wirkt danach, als wäre das eine Abschreibübung gewesen. Es ist gerade in Bezug auf Quellen keine ausgewogene Arbeit. Der Anspruch muss ein deutlich höherer und anderer sein. Ich denke, das vorgelegte Werk würde nicht einmal als Projektarbeit eines Hochschulstudiums akzeptiert werden.

 

Seite 20: stufenweise Bebauung und langsames Wachsen ist scheinbar ein Wunsch der Bevölkerung.

Welche Bevölkerung wurde befragt. Die direkten Anrainer? Die sind sicher bereits gespannt, wie sanft Bagger, Kräne, Betonwagen, … sein können und welche uns den Alltag in den nächsten 10 Jahren versüßen werden.

 

Seite 20: bei Gewerbeobjekten, die auch zum Wohnen verwendet werden können, wird als Beispiel ‚strukturierte Verkabelung‘ genannt.

Was soll das heißen? In den anderen Objekten gibt es keine Struktur bei der Verkabelungen? Das Erschreckende daran ist ja, dass es sich im Dschungel von aufgeblähten Texten um einen der ganz seltenen Vorschläge für eine Umsetzung handelt. Die Verkabelung also: echt jetzt? Wir haben ein Megaprojekt vor der Brust, bei dem wir beweisen können, dass wir die Zukunftsthemen verstanden haben, aber auch Gefahr laufen, moderne Raumplanungen zu verschlafen und über oft gemachte Fehler zu stolpern. Und der Vorschlag, um zukunftsfit zu sein ist, die Kabeln strukturiert zu verlegen? Wenn sich schon jemals jemand im falschen Film wähnte: herzlich willkommen, hier ist er.

 

Seite 32: es wird lang und breit die Psychologie von Kindern, Jugendlichen und Teenagern erklärt, um lediglich auf ein Gebäude für junges Wohnen, einen Spielplatz sowie einem Jugendzentrum zu verweisen und diese aufzuzählen.

Soetwas gäbe es bereits in der Gemeinde. Um Jugend in einem Ortsteil zu halten und mit der Bevölkerung zu durchmischen reicht das nicht aus. Ganz allgemein fällt auf, dass Nona-Einrichtungen, auf die jeder Laie bei so einem Projekt kommen würde, textlich aufgeblasen wurden, wohl um Seiten zu ‚schinden‘.

 

Seite 34: eine Legende ziert diesen Abschnitt. Allerdings fehlt das Bild dazu.

Neben den vielen orthographischen Fehlern sind solche Fehler in einem veröffentlichten Dokument mit dieser Brisanz inakzeptabel. Was wollen uns die Beteiligten in diesem Prozess damit sagen? Uns sind die Wünsche der Bevölkerung egal? Hauptsache, wir können rasch was bauen und uns ein Denkmal setzen? Und das ist noch der sympathischere Ansatz. Anderen Vermutungen werde ich hier nicht nachgehen. Darüber kann jeder für sich philosophieren.

 

Seite 35: Mittendrin eine leere Seite.

Sollte da was sein? Soll sie zwischendurch wieder für etwas Spannung sorgen? Man weiß es nicht.

 

Seite 36: diese Seite ‚das Ansiedlungsmanagement‘ hat einen für mich sehr eigenartigen Charakter. Das klingt nach: keine Ahnung ob das, was wir hier planen, überhaupt funktionieren wird. Keine Ahnung, ob sich Betriebe unter diesen Umständen oder überhaupt ansiedeln wollen. Das ist uns aber egal, weil das macht dann das Ansiedlungsmanagement, nachdem wir mit dem Projekt bereits verdient haben. Egal, ob ihnen das dann gelingt.

Benötigen wir nicht gerade wegen diesen Themen, die dieses ominöse ‚Ansiedlungsmanagement‘ dann in weiterer Folge für uns richten soll, den Masterplan?

Seite 38: Das Ansiedlungsmanagement wirkt überhaupt als der Joker für ‚darüber wollen wir uns im Rahmen des Masterplanes keine Zeit nehmen und keine Gedanken machen‘.

 

 

Seite 42: der interessierte Laie darf sich selbst heraussuchen, was eine Geschossflächenzahl bedeutet.

Hier die Definition laut Niederösterreichischer Bauordnung: „Die Geschoßflächenzahl (GFZ) ist das Verhältnis der Grundrissfläche aller Hauptgeschoße von Gebäuden zur Fläche des Bauplatzes.“. Es handelt sich also um einen Faktor, der beschreibt, wie viel Geschossflächen in Bezug auf die zu verbauende Grundstücksfläche hergestellt werden. Hauptgeschosse sind Erdgeschoss, Obergeschosse, nicht aber Keller und Dachgeschosse. Eine GFZ von 1,00 kann die Verbauung der gesamten Grundstücksfläche bedeuten oder bei einer Verbauung von einem Drittel des Grundstückes wären es quasi ein Erdgeschoss, zwei Obergeschosse und evtl. auch noch ein oder mehrere Dachgeschosse.

 

Seite 42: auch hier finden wir wieder eine einsame Legende, verlassen von einem Bild.

 

Seite 43: hier gibt es endlich eine Grafik, aus der die Gesamtfläche addierbar ist oder in einer schlecht lesbaren Auflistung sogar verschriftlicht wurde.

Im gesamten Masterplan wurde diese Zahl nicht gefunden – wir wissen nicht, ob den Verfassern die Wichtigkeit dieser Zahl nicht bewusst war. Es handelt sich – sofern mich mein Augenlicht auf Grund einer äußert schlecht lesbaren Grafik nicht täuscht – um 37.921m² Grundfläche.

Das ist an dieser Stelle nicht ganz unwichtig. Auf diesen Seite wird lang und breit über die Geschossflächenzahl philosophiert und das diese 1,00 wäre. In einer weiteren Grafik, die abgeschnitten ist, ist aber plötzlich eine Geschossflächenzahl von 1,04 zu lesen. Das wirkt ein bisschen zu spitzfindig, daher möchte ich das mit absoluten Zahlen hinterlegen.

Bei einer Geschossflächenzahl von 1,00 erhalten wir bei 37.921m² auch 37.921m² Geschossflächen.

Bei einer Geschossflächenzahl von 1,04 erhalten wir bei 37.921m² dann deutlich höhere 39.438m² an Geschossfläche.

Die Differenz sind 1.517m². Bei einer Ausnutzbarkeit von 75%* ergeben das

  • Wohnflächen von 1.122m² oder
  • 16 bis 17 Wohnungen oder
  • um die 1,5 bis 2,0 Millionen Euro Mehrgewinn.

Vielleicht bin ich als Techniker ein bisschen zu genau, mag sein, aber es werden langsam zu viele Ungenauigkeiten hier. Vor allem, wenn davor erklärt wird, dass die mögliche Geschossflächenzahl von 1,14 (1,00 => 1,04 => 1,14) nicht ausgenutzt werden soll.

*Ausnutzbarkeit: die Geschossfläche besteht neben der Wohn- bzw. Nutzfläche auch aus Wänden, Stiegenhäusern etc. Diese Flächen sind zur Berechnung der Wohnnutzfläche abzuziehen.

Nebenbei bemerkt: auf Seite 60 ist die Geschossflächenzahl übrigens mit 1,03 angeführt. Ist ja nur eine der wichtigsten Kennzahlen.

 

Seite 44: ob der Unlesbarkeit ein weiteres Indiz für die geringe Priorität des Masterplanes.

Die Wichtigkeit der älteren Bevölkerung in der Gesellschaft wurde in den Seiten davor manifestiert, lesen sollen sie den Masterplan aber bitte nicht.

 

Seite 45: Ein großer Nahversorger mit 400-600m² Verkaufsfläche soll den Anker bilden, aber kein vollständiges Sortiment anbieten, damit sich kleine, lokale Nahversorger in diese Nischen setzen können.

Wer wird das zivilrechtlich ausverhandeln, wie ein großer Nahversorger sein Sortiment zu begrenzen hat und wie verhindert man, dass sich ein Paketshop einmietet, der diese Nische durch Internetversand abdeckt? Das macht wahrschienlich unser allseits beliebter Joker, das Ansiedlungsmanagement.

 

Seite 47: Annähernd unlesbare Grafik.

Folgendes Gefühl lässt mich nicht los: je unleserlicher, umso wichtiger.

 

Seite 50: Woher kommen diese Zahlen? Wie sah die Untersuchung aus?

Das Ergebnis wirkt sehr nach erfundenen Zahlen oder ‚bewusst positiv‘ interpretiert. Was sagt diese Seite aus? Wenn wir 100 Wohnungen außerhalb des Planungsgebietes errichten, dann fahren 250 Autos mehr durch den Kreisverkehr – scheinbar egal, wo diese Wohnungen errichtet werden. Keine Ahnung, wie soetwas erhoben werden kann. Aber – von mir aus – lassen wir es als wissenschaftlich erwiesenes Mysterium so stehen. Wenn wir aber im neuen Ortszentrum 100 Wohnungen errichten, dann fahren nur noch 150 Autos mehr durch den Kreisverkehr. Das muss man sich auf der Zunge zergehen und ganz langsam einwirken lassen. Für mich gibt es dafür lediglich eine sinnvolle Erklärung: Magie!

Für eine wissenschaftliche Arbeit – und einen zumindest ähnlichen Anspruch sollte der Masterplan haben – ist das unzufriedenstellend ausgeführt. Wer weiß warum(?)

 

Seite 53: Möglichkeiten zur Schallreduzierung. Bitte festhalten, jetzt wird es richtig abenteuerlich!

Fahrverbot für Mopeds – müssen die Jugendlichen ihr Moped jetzt zum Bahnhof und zum Jugendtreff schieben? Müssen sie durch das bestehende Ortsgebiet ausweichen und dort den Lärm konzentriert erhöhen, damit wir zum Durchpeitschen des Projektes gute Lärmstatistiken bringen können? Nachdem die bereits hier wohnende Bevölkerung in den Genuss des über 10 Jahre ’sanft‘ wachsenden Ortszentrum kommt, dürfen sie auch noch behilflich sein, den zusätzlichen wie auch bestehenden Lärm zu übernehmen. Gelebte Gastfreundlichkeit.

Aber der absolute Höhepunkt ist das hier: Änderung der Antriebsarten für mobile Fahrzeuge. Humor haben die Entwickler des Masterplanes also. Hier fehlen mir echt die Worte. Ja, es wäre tatsächlich positiv, wenn wir auf alternative Motorisierungen umsteigen könnten, aber wegen dem Ortszentrum baut sich niemand einen neuen Motor in sein Auto ein!

 

Seite 54: auch hier gibt es keine Unterlagen oder Quellen zu den Zahlen über die Parkplätze.

Glaubt es einfach!

 

Seite 62: „Die zentrale Lage der neuen Siedlung neben dem Rathaus und dem Bahnhof lassen den Schluss zu, dass die Nutzung des Pkw geringer sein wird als in anderen Ortsteilen der Gemeinde, da sowohl die Bahn als auch die meisten wichtigen Einrichtungen in der Gemeinde leicht zu Fuß oder mit dem Rad erreicht werden können.“

Scheinbar wird langsam bewusst, dass wir uns zur Stadt entwickeln, anders ist die Umwidmung des Gemeindeamtes zum Rathaus nicht vorstellbar.

 

Seite 62: Bei der Berechnung der Fahrten wird ein sehr theoretischer Ansatz gewählt, mangels besseren Wissens ist das aber durchaus akzeptabel. Dann wird es aber wieder abenteuerlich. Mit dem lapidaren Satz „Dazu sind noch die Fahrten jener Personen zu zählen, die die Gewerbeeinrichtungen besuchen.“ wird klargestellt, dass neben den 750 zusätzlichen täglichen Mehrfahrten noch ein Zielverkehr hinzukommen wird.

Aus den vorigen Berechnungen wissen wir, dass über 16.000m² Flächen für Gewerbe, Gastronomie, Geschäfte und Dienstleistungen im neuen Areal errichtet werden. Bleibt für die Gewerbetreibenden zu hoffen, dass da zahlreich Personen zufahren werden. Übrigens wurde in den vielen Seiten zuvor angepriesen, dass das neue Ortszentrum auch für alle Menschen der Großgemeinde ein Platz der Einkehr darstellen soll – immerhin haben wir ja auch einen Konzertplatz über 1.000m². Wie kommen die da her? Bleibt offen und ist nicht Teil der Berechnung über den zusätzlichen Verkehr. Teleportation vorzuschlagen würde den Masterplan stilsicher abrunden.

 

Es soll nicht wortklauberisch wirken. Es geht mir nicht darum, den Masterplan zu zerpflücken. Man erkennt jedoch, dass diesem Masterplan bei der Erstellung kaum Bedeutung beigemessen wurde. Das sogenannte ‚Herzblut‘, das Bürgermeister Titz im Vorwort erwähnt, ist in kaum einer Seite dieses Masterplanes zu finden. Die Frage ist, ob einfach ein Papier mit ein paar bunten Bildern geschaffen werden sollte, um das Projekt durchzuboxen, oder das alles ernst gemeint ist. Es muss also befürchtet werden, dass das Gesamtkonzept in dieser Form gar nicht funktionieren wird, wenn da nicht viel und harte, ehrliche Arbeit eingeflossen ist.

 

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Der Masterplan – ein Pamphlet gegen die Bürger der Wohlfühlgemeinde?

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Ortszentrum – wie beim Masterplan über die Verbauung des Fussballplatzes gleich mehrere Elfmeter vergeben wurden

  1. Alfred Stachelberger

    Tja, da wurden wesentliche Punkte des Masterplanes penibel hinterfragt – danke für die sehr umfangreiche Recherche. Spannend wird das Thema bei einem mehrheitlichen NEIN: da werden die Befürworter nicht darum herum kommen, transparent, mit Zahlen, Daten und Fakten zu antworten.

  2. Wie ernst dieser Masterplan gemeint ist, mag man daraus schließen, dass, wenn wir im neuen Ortszentrum 100 Wohnungen errichten, nur noch 150 Autos mehr durch den Kreisverkehr fahren gegenüber jenen, die aus anderswo errichteten Wohnungen kommen. Das kann nur jemand behaupten, der den Ort und seine Gewohnheiten überhaupt nicht kennt.
    Das Schlimmste an dem Masterplan aber ist, dass die Bevölkerung zwar fast unisono die letzte Cance, der Gemeinde ein Zentrum zu geben, begrüßt hat, dass aber mit einer unsinnigen Befragung stattdessen eine Polarisierung erfolgt, bei der die Frage des Ortszentrums in den Hintergrund gedrängt wird und auf der Strecke bleibt. Hauptsache das ekelhafte parteipolitische Gezänk tritt anstelle gemeinsamen, produktiven planerischen Handelns.
    Die beste Analyse nützt nichts, wenn sie nicht aufzeigt, wie durch echte (und nicht nur aufgesetzte) Einbindung der wirklichen Experten, der Einwohner, eine optimale Lösung erarbeitet (und nicht mit einer Frage erfragt) werden kann. Aber es ist, wie es ist: wenns an echte und ehrliche Bürgerbeteiligung geht, dann denken alle politischen Parteien an den wahren Gottseibeiuns s. „Raus aus der Sackgasse“, Wien (Sonderzahl), 2009, S. 220 ff.,

    • behling

      Hallo Hr./Fr. Hofmann,
      ein wesentlicher Teil von Politik ist in meinen Augen sehr wohl, die Bürger zu vertreten. Natürlich muss auch hingehört werden.
      In der Volksabstimmung geht es aber nicht darum, ein Ja oder Nein zu bekommen. Gerade ein Nein ist der Auftrag, genauer auf die Bedürfnisse der Bewohner einzugehen, genauer zuzuhören, was gewünscht ist. Wesentlich genauer als es bisher erfolgt ist.
      Der Wähler ist der Souverän, morgen wissen wir mehr …

      Besten Dank für Ihre Wortmeldung!

      Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag, David Behling.

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